Viewmag  Interview


Akustische Musik ist menschlicher.

 
01/06/04 | 11:15
Perfekte Beischlafmusik? Vielleicht. Die Kings veröffentlichen ein neues Alben. Ein Interview. 
von Klaus Esterluß

Interview mit Eirik Glambek Boe von den Kings Of Convenience

Lass und zuerst über den Namen eures neuen Albums „Riot on an empty street“ sprechen. Ich denke dabei an zwei Bilder; zum einen an den Satz ’Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.’ und zum anderen an das unlösbare Rätsel ’Wenn in einem Wald ein Baum umfällt und niemand ist da, um es zu hören – gab es wirklich ein Geräusch?’ Verrätst du mir, was der Titel wirklich bedeutet?


[Lachen] Das spannende an Rätseln ist, dass sie immer Rätsel bleiben. Man kann sie nicht erklären. All die spannenden Lösungsansätze die es gibt, sind immer nur ein teil der Lösung. Wie soll ich das sagen...? Je näher du der Wahrheit kommst, desto weniger schließen sich die gegenteiligen Ansätze aus. Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Und irgendwas ist da dran.

Warum aber genau dieser Name für das Album?

Warum wir gerade diesen Name verwendet haben? Ursprünglich ist „Riot on an empty street“ ein Song, den wir geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht haben. Der Name war also einfach schon da. Er hat etwas über uns ausgesagt.

Weshalb ist er nicht auf dem Album?

Der Song ist uns zu wichtig. Wir haben den perfekten Take noch nicht gefunden. Darum ist er nicht auf dem Album.

Er wird aber noch irgendwann...

Yeah, when it’s done. [Er grinst.]


Eure Musik, die Namen eurer beiden Alben, alles hat immer etwas mit Stille zu tun. Woher kommt diese Stille?

Ich erinnere mich an den Lieblings-Jazzmusiker meiner Mutter. Eroll Gardner heißt er. Er hat in den 40er Jahren Jazzplatten veröffentlicht, auf denen er Klavier spielte. Diese Platten habe ich mir angehört. Ich hörte mir an, wie der Klavier spielte. Was an seinem Spiel einzigartig ist, dass es mehr Stille als Noten in seinen Stücken gibt.
Du bekommst den Eindruck, dass er mehr zuhört als er spielt. Nachdem ich die Platten gehört hatte, bekam ich immer mehr das Gefühl, das nicht der Sound in der Musik wichtig ist. Die Stille ist wichtiger.
Für einen Maler ist das wichtigste schließlich auch das Licht. Die Farben wirken bei unterschiedlichen Licht völlig anders. So ist die Stille vielleicht das, was Musik zu Musik macht.

Diese Stille könnte Menschen dazu veranlassen, eure Musik langweilig zu finden...

Diesen Menschen fehlt eine Erfahrung: Die Erfahrung, wie unangenehm es ist, wenn du einen Tinitus hast. Wenn dein Ohr 24 Stunden am Tag klingelt. Ich hatte einen für vier Tage in meinem Leben. Das waren die vier furchtbarsten Tage überhaupt. Mein Ohr [er deutet auf sein rechtes Ohr] hat konstant geklingelt. Das ist belastend. Dadurch habe ich gelernt, dass Stille nichts ist, das man als selbstverständlich betrachten sollte. Sie ist ein Geschenk. Stille ist eine komfortable Erfindung. Nachdem ich einen einzigen Ton vier Tage im Ohr klingeln hörte, habe ich festgestellt, das Stille soviel besser ist als Krach. Das macht die Entscheidung zwischen Sound und Stille einfacher.

Welche Menschen hören Stille?

Viele, glaube ich. Das ist das Schöne an unserer Band. Viele Menschen in vielen Ländern können damit etwas anfangen. Wenn ich sie in eine Schublade packen müsste, würde ich sagen, dass es intelligente Menschen sind. Clevere Menschen. Es macht einen guten Eindruck, wenn du sagst, du hörst unsere Musik.

Wann?

Ein Freund lernte mal ein Mädchen kennen. In einen Club. Sie gingen zu ihr und als er aus dem Bad kam und ins Schlafzimmer ging, legte sie unser erstes Album auf („Quiet is the new loud“). Er sagte dann: „Sorry, I can’t ... da singen zwei meiner Freunde. Das wäre irgendwie nicht richtig.“ [Lachen]

Glaubst du, ihr habt einen neuen Musikstil erfunden?

No.

Dann anders, glaubst du, ihr habt einen Stil wiedererfunden? Wenn ich an die Musik denke, die ich in den vergangenen Jahren gehört habe, dann gab es darin keine Stille. Ich möchte jetzt die 40iger Jahre Jazzplatten ausklammern. Moderne Musik kennt eigentlich keine Stille.

Vielleicht haben wir die Wichtigkeit der Stille wiederentdeckt. Das können wir uns eventuell auf die Fahnen schreiben.

Welchen Einfluss hat eure Herkunft auf eure Musik. Ihr kommt aus der Stadt Bergen in Norwegen. Doch eher eine ruhige Gegend?

Das spannende an Bergen ist die Bodenständigkeit der Menschen und der Gegend. Die Stadt hat eine bodenständige Kultur, ein bodenständiges Wesen. Wie eine kleine eigene Welt. Es gibt sie seit einigen hundert Jahren. Gleichzeitig ist überall um dich herum Natur. Wenn du fünf Minuten läufst, stehst du im Wald. In der gegenüberliegenden Richtung ist das Meer. Diese beiden verschiedenen Welten sind wohl der Grundstein für die Bodenständigkeit der Menschen und der Kultur. Trotzdem gibt es in Bergen eine lebendige Musikszene, Clubs usw. Man trifft Menschen, andere Musiker und macht was zusammen. Stadt und natur gleichzeitig. Hat schon was romantisches. Es gibt einige Verweise auf die natur in unserer Musik. Wenn du in einer größeren Stadt, in Berlin zum Beispiel lebst, ist die natur wesentlich weiter weg.

Aus Bergen kommen erstaunlich viele Bands. Ich denke da unter anderem an Röyksopp. Habt ihr für andere Bergener Musiker Türen geöffnet?

Ich weiß nicht. Wir haben halt viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen. Und wenn dann Fragen nach anderen Bands aus Bergen kamen, haben wir „Yeah, Röyksopp...“ gesagt. Also, vielleicht hat die Präsenz etwas geholfen.

Du hast mal gesagt, dass ihr keine echten Vorbilder habt. Wenn ich eure Platten höre, erinnern sie mich stellenweise trotzdem an Simon & Garfunkel...

Wir singen Vocal Harmonies. Es gibt natürlich viele verschiedene Wege, solche Harmonien zu singen. Wir verwenden den traditionellen Weg. Eine Stimme singt die Basis-Note, die andere singt drei Noten höher. Das ist die traditionelle Art und Weise. Darum denken manche an Simon & Garfunkel. Die haben diese Technik auf die große Bühne gebracht...

Wie passt eure Musik mit der Musik zusammen, die ihr früher gemacht habt? Ihr seid beide in einer Band namens Skog gewesen. Eine Rockband...

Na ja, so anders war das auch nicht. Skog war schon eine Rockband. Da haben wir beide gespielt. Erland war der Sänger. Kein besonders guter Sänger. Aber die Band an sich war ziemlich in Ordnung. Wenn wir jetzt Coldplay hören, denken wir immer: Hey, that’s what we did. Die klingen eigentlich genauso. Vor allem das Gitarrenspiel und der Bass.
Ich war außerdem immer schon sehr im Indiepop. Vor allem in meinen Teenager-Jahren. Das war meine Musik. Später kam Bossanova dazu. Immer Gitarrenmusik. Ich spiele schon lange klassische Gitarre. Konzertgitarre also. Dann kam Softpop. Und damit die Überzeugung, Musik machen zu wollen, die ohne Bass und Schlagzeug auskommt. Nur mit akustischer Gitarre und Stimme.

So schlägt sich der Bogen von Skog zu den Kings of Convenience. Ihr benutzt doch aber Drums auf euren Alben...

Auf dem ersten Album waren nur zwei Tracks mit einem selbstgesampelten Drumstück. Auf dem neuen ist es ähnlich.

Könntest du dir vorstellen mit den Kings of Convenience vollkommen andere Musik zu machen?

Der Name Kings of Convenience ist der Name für ein Projekt. Für ein Akustik-Popmusik-Projekt. Insofern nein. Ich glaube, dass Menschen, die Musik hören, mit dem Namen Kings of Convenience genau diese Art Musik verbinden, die wir spielen. Wenn ich das Bedürfnis hätte, gänzlich andere Musik zu machen, müsste das Projekt auch einen anderen Namen haben.

Erlend hat ein Soloalbum veröffentlicht, dass rein elektronisch war. Wo liegt der Unterschied zwischen elektronsicher und eurer handgemachten Musik?

Elektronische Musik ist mehr auf den Punkt produziert. Sie ist perfekter, sie hat keine Fehler. Sie erreicht eine ganz andere Art von Perfektion. Dagegen ist akustische Musik einfach menschlicher. Du hörst es, wenn jemand die Gitarre selbst spielt, wenn die Hand auf die Saiten trifft. Der Körper des Musikers lässt den Sound entstehen. Das ist für mich schöner.