Intro Interview


Kings Of Convenience
Die Reifeprüfung [23.06.04]

So ist das in Bergen, Norwegen: Nachts läuft der angry young man durch die Straßen. Allein, mit tausend Gedanken im Kopf, tausend Ideen. Der Zorn und der Frust finden keine Kompensation, dürfen nicht raus, weil die Straßen kalt und leer sind und dem Wütenden eh keiner zuhört. ›Riot On An Empty Street‹ nennen Erlend Øye und Eirik Glambeck Bøe, die Kings Of Convenience, ihr zweites Album.

»So much pain, but no way to paint it«, erklärt Øye den Titel, der ein Drama der Popmusik von Jefferson Airplane über Ton Steine Scherben bis zur Mediengruppe Telekommander in Worte fasst: den Versuch, eine Revolution zu starten – aber deine Fans, die wollen nur tanzen, tanzen, Spaß haben. Gute Popmusik hadert immer mit etwas, sie sucht die Konfrontation, den Aufstand – meistens bezaubernd, selten konstruktiv. Aber wofür lohnt er sich überhaupt, der Riot, wofür geht man heute noch raus auf die Straße? »Stadtplanung«, sagt Eirik Glambeck Bøe. Und beginnt von den ökologischen Folgen verkehrsplanerischer Fehlentscheidungen, von dem Verlust des urbanen Lebensraums und dem Shopping-Mall-Wahn der neuen Megacitys zu dozieren. Er baut stattdessen auf neue Stadtstrukturen, die das Architektonische mit der Soziologie und der Psychologie kombinieren. Auf Eirik Glambeck Bøe trifft er wirklich nicht zu, der Vorwurf an die Popmusik, dass ihre Utopie über ein vages Love, Peace & Happiness hinaus alles Konkrete scheue.
Noch programmatischer als ›Riot On An Empty Street‹ war der Titel des ersten Kings-Of-Convenience-Albums, der einer ganzen Bewegung eine Parole lieh: ›Quiet Is The New Loud‹. Natürlich war das New Acoustic Movement eine Medienfinte, die mit der Wirklichkeit nicht viel gemein hatte, doch Bands wie Turin Brakes oder eben Kings Of Convenience trafen mit ihren Alben den Nerv der Zeit, der nach den Jahren des »Bumm Bumm« (Süddeutsche Zeitung) die Menschen endlich wieder eine Sehnsucht nach »Lagerfeuer und Privatsphäre« (Spex) ausleben ließ. Die Kings Of Convenience waren die neuen Simon & Garfunkel, und es war schwierig, ja, unmöglich, sich den Verlockungen ihrer Songs nicht hinzugeben: verträumte, zweistimmige Melodien, ruhige Tonfolgen, versponnen-melancholische Texte über die Liebe und deren Hindernisse. Die beiden »bleichgesichtigen Hungerhaken« (Emder Zeitung) waren Sympathieträger, denen man den Erfolg von vollem Herzen gönnte: menschlich, jugendlich, nerdig, ohne Anwandlungen von Arroganz. Quiet is the new loud, lieb ist der neue Mann: In seinen Liedern baut er den schönsten Mädchen der Stadt auch dann noch Denkmäler, wenn sie immer nur andere Männer küssen.
Plötzlich waren sie Stars. Und wären daran beinahe zerbrochen. Während der eine, Erlend Øye, den Erfolg, die Konzerte, die Interviews genoss wie ein Honigkuchenpferd, wurde Eirik Glambeck Bøe der Rummel schnell zu viel: »Ich dachte die ganze Zeit: Oh shit, was passiert hier gerade mit dir? Ich spürte, dass mein Leben mir aus der Hand glitt. Es ging die Leiter bergauf, aber wir haben ein paar Sprossen zu viel auf einmal übersprungen.« Erlend Øye: »Für mich war es hart zu begreifen, dass mein großer Traum, der sich nun endlich erfüllte, nicht Eiriks Traum war. Er hasste es, wenn die Leute ihn auf der Straße erkannten, ich war geschmeichelt. Wir hatten ein echtes Problem.«
Doch Romulus muss seinen Remus nicht töten, um sich ein Imperium aufzubauen. Die Musiker, die sich zu Schulzeiten bei einem Geografiewettbewerb kennen gelernt hatten – erster Sieger: Erlend Øye, zweiter Sieger: Eirik Glambeck Bøe –, trennten sich und blieben trotzdem Freunde. Øye begann ein neues Parallelleben, schlüpfte in eine zweite Haut, musste nicht einmal die Brille wechseln. Die Fete ging weiter, von der stillen Gitarrenmusik wandte er sich der Elektronik zu, vergaß dabei aber nie die Stimme, nie die Melodie (»Es ist Techno und No-Techno«). Er zog nach Berlin, jettete von dort um die Welt und nahm mit Produzenten wie Morgan Geist, Schneider TM oder Soviet Tracks für sein Debütalbum als Solokünstler auf. Eine Livetour und erste Auftritte als DJ folgten. Seine DJ-Sets sind dabei so euphorisch wie sympathisch. Hinter den Plattentellern kennt Øye keine Distinktion, spielt Hits, Hits, Hits und tanzt mit weit ausholenden Armen wie ein Berserker. Kein cooler DJ, sondern ein liebenswerter Partytiger. Für die ›DJ Kicks‹-Reihe des Berliner Labels !K7 hat er gerade eine Compilation zusammengestellt. Eirik Glambeck Bøe blieb derweil in Bergen, studierte weiter Psychologie und war froh, endlich wieder Ruhe zu finden. Er begann, sich intensiv mit Stadtplanung zu beschäftigen, reiste nach Asien, fuhr mit dem Fahrrad durch Vietnam, von Hanoi nach Saigon. Und jetzt, nach drei Jahren, hat es die beiden wieder gemeinsam gepackt. »Ich bin jetzt besser vorbereitet«, sagt Glambeck Bøe. »Ich habe jetzt meine zweite Welt«, sagt Øye.
Unterschiede im Charakter sind wichtig für den Erfolg eines Duos. Der Zügellose, der Kommunikative, die Quasselstrippe auf der einen, der Ruhige, der Zurückgezogene, der Introvertierte auf der anderen Seite, dieses Modell für Traumpaare des Pop funktionierte schon immer. Das war bei Jagger und Richard so, bei Lennon und McCartney, und wird sicher auch weiterhin so bleiben, damit jeder Fan – je nach der eigenen Verfassung – seine Identifikationsfigur leicht findet. Øye und Glambeck Bøe haben es da gut, denn sie brauchen diese Rollen nicht angestrengt zu spielen, auch wenn es ein Weiß oder ein Schwarz natürlich nie ohne Flecken gibt. Erlend Øye ist der, der herumzappelt, plappert oder schnell mal einen spontanen Sketch mit Rapper 50 Cent in der Rolle eines schwulen Schauspielers gibt, Eirik Glambeck Bøe antwortet kurz und bedacht und ist dabei ausgesprochen höflich. Beim Abhören des Gesprächs ist seine Stimme manchmal so leise, dass ich ihn kaum verstehe. Was gibt es über das Album zu sagen? Nicht viel – zum Glück! Dem erfolgreichen Prinzip aus Zartrock und melancholischen, geistreichen Texten sind die Kings Of Convenience treu geblieben. Das standhafte Bekenntnis zum sound of silence ist ein Zeichen der Reife: Sie müssen sich nicht ständig neu erfinden. Zwei große Fünkchen Humor und Selbstsicherheit schwingen da auch mit, wenn ›Homesick‹, der Opener des Albums, sich als butterzarte Simon&Garfunkel-Karikatur entpuppt. Bemerkenswert sind die Tracks, die sie mit der kanadischen Sängerin Feist aufgenommen haben. Ansonsten: Øye hat sich selbst das Trompetenspiel beigebracht, Glambeck Bøe packt ab und an ein Banjo aus. Bleibt alles herzzerreißend.
Schlussgespräch: »Hast du noch eine leere Disc dabei?« fragt mich Erlend Øye. Das Interview in einem Kölner Hotelrestaurant habe ich mit einem Mindisc-Recorder aufgenommen und wie immer zur Sicherheit noch eine zweite Disc mitgenommen. »Kann ich dir die abkaufen?« – »Nein, die kannst du gerne so haben.« – »Vielen Dank. Eirik und ich schreiben eigentlich immer Songs, wenn wir uns irgendwo treffen. Wer weiß, vielleicht nehmen wir heute Nacht noch das nächste Kings-Of-Convenience-Album auf.« – »Dann müsst ihr mir auf der Platte aber danken.« – »Okay. Wie war noch mal dein Name?«

Bergen, Norwegen
Erlend Øye: »Bergen im Winter, das ist wie die Schlacht um Helms Klamm in ›Der Herr Der Ringe 2‹. Erinnerst du dich? Die Bewohner von Rohan warten in der Festung darauf, von Saurons Armee angegriffen zu werden – und dann fängt es auch noch zu regnen an.«

New Acoustic Movement
Der britische New Musical Express (NME) gilt als Erfinder des New Acoustic Movement. Unter dem Begriff tummelten sich 2001 Bands wie Turin Brakes, Savoy Grand, Palace Brothers, Smog, aber auch Starsailor oder Badly Drawn Boy. Erlend Øye: »Wir dachten immer: Vielleicht sollten wir diese Bewegung einfach wirklich gründen. Vielleicht sollten wir uns einmal wirklich mit all den Bands treffen und eine Platte aufnehmen.«


Autor: Alexander Jürgs