Die Welt review
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Singende SensibelchenDie "Kings of Convenience" in der FabrikWir sahen die Schlagzeilen schon vor uns: "Hamsterkäufe in
der
Altonaer
Fabrik." Und in der Unterzeile: "Konzertpause wurde zum Rennen um die
frischesten Biere." Für jemanden, der um Viertel nach neun kam, blieb
so ein Bier sowieso erst mal kühner Traum. Drei Bars ohne Licht und
ohne Service, zudem sehr viele Menschen, die auf Stühlen saßen, weil es
einfach kaum Flächen ohne Stühle gab. Vorn ein Hänfling von
freundlichem Antlitz, der eine wunderschöne Stimme sein eigen nannte
und dem für diese Stimme außerdem noch ein paar ganz herrliche Songs
eingefallen waren. Bart Davenport war indes nur der Opener eines wundersamen
Abends, an
dessen Ende wir uns ganz unversehens auf Wolke sieben abgesetzt
wähnten. Dabei hatte alles unter bösen Vorzeichen begonnen. Die Fabrik
mußte nicht bloß kurzfristig Sitzmöbel stellen und dafür auf den
Verkauf etlicher Karten großzügig verzichten, auch die
Getränke-Tankstellen des Etablissements hatten gefälligst zu schließen,
wenn dem Auditorium hehres Sangesgut vermittelt wurde. Natürlich und
ganz fraglos sind solche Allüren dumme Unverschämtheiten, die sich fast
niemand einfach so leisten kann. Erlend Oye und sein Kollege Eirik Glambek Boe schon. Nachdem
die Kings
of Convenience, zwei Sensibelchen aus Norwegen, ihren Fans eine
ausgedehnte Unterbrechung zum Bunkern neuer Getränke gegönnt hatten,
startete das ziemlich ungleiche Paar eine prachtvolle Show. Das hört
sich für Kenner der Musik des Doppels zunächst komisch an, und da liegt
der Connaisseur gar nicht mal so falsch. Wenn Erlend Oye mit
Physiognomie, Frisur und Brille des computerkursgeilen Oberprimaners
mit seiner Holzgitarre am Bühnenrand Posen hinlegt wie sonst nur aus
der Abteilung Heavy Metal gewohnt und uns auch noch von hellbraunen und
dunkelbraunen Saiten erzählt und davon, daß sein Plektrum dummerweise
in Heidelberg kaputt gegangen sei und er nun gar nicht wisse, wie jene
fremdfarbenen Saiten anzuschlagen seien, dann grinsen wir ziemlich
breit in unseren mittlerweile leeren Bierbecher. Nach anderthalb ungemein amüsanten Stunden bringt Erlend Oye
im Solo
mit seiner Gitarre - wir glauben, die mit den dunkelbraunen Saiten
erkannt zu haben - Whams "Last Christmas" und mithin jenen Song, den
Popfans seit Jahren in jeder Weihnachtszeit verfluchen, auf einmal in
einer Version, die doch tatsächlich Lust auf - Weihnachten macht.
Danach intonieren die Jungs noch mit dem Kollegen Davenport drei
Lieder, darunter "Gatekeeper" der Kanadierin Feist, die gemeinsam mit
Gonzales, Mocky und Peaches als "Kanada-Mafia" Berlins gefeiert wird,
und winken uns zum Abschied leise servus. Nach einem Abend in
Zimmerlautstärke brandet jetzt Applaus auf, die Bars entzünden ihre
Lichter, das Auditorium lächelt noch immer fast wie in Hypnose. "Toll,
oder?" Ich nicke verwirrt der jungen Schönen zu. Ja, ja, na klar.
Mindestens! Artikel erschienen am Fre, 3. Dezember 2004 |